Mittwoch, 29. April 2015

Anzac Day - wenn Geschichten des Krieges wieder lebendig werden

Feiertag, lange schlafen,… die meisten denken jetzt das hört sich doch echt verlockend an. Aber wenn ich ehrlich bin, wollte ich den Feiertag echt nicht. Das hat jetzt nicht mit Schule zu tun, sondern eher mit dem Geschichtlichen Zusammenhang und damit, dass wenn Kriegsgeschichten ausgepackt werden, du als Deutsche einfach keine Chance hast blöden Kommentaren zu entgehen. Aber ich fang mal von vorne an.


Was ist der Anzac Day eigentlich und was ist damals passiert?
Am 25. April 1915 landeten Soldaten auf der türkischen Halbinsel Gallipoli, was damals türkisches Territorium war und auch einen Teil des deutschen Omanischen Reichs gebildet hat. Die Neuseeländischen und Australischen Truppen (ANZAC Australian and New Zealand Army Corps) waren dort als ein Teil eines Plans vorgesehen. Sie sollten den Kanal von Dardanellen zu den Verbündeten Flotten zu öffnen und dem Osmanen Hauptstadt Konstantinopel (jetzt Istanbul) zu drohen. Doch die Australische und Neuseeländische Gruppen sind auf unglaublich starken Widerstand gestoßen und beide Seiten haben ordentliche Verluste einstecken müssen. Sehr sehr viele Männer sind in dieser Schlacht gestorben. 44 000 britische und französische Soldaten, über 8 700 Australier und 2 779 Neuseeländer (1/5 der Truppe die dort kämpfte) und 87 000 türkische Kämpfer. 

Wer jetzt denk es handelt sich hier um ein kleines Ereignis, völlig falsch. Da das Ereignis genau 100 Jahre in der Vergangenheit liegt wurde das Ganze noch viel größer ‚gefeiert‘ als sonst. Überall hängen Flaggen, die auf den Tag aufmerksam machen, kleine Papier- Mohnblumen zum Anstecken wurden verkauft und an vielen Öffentlichen Plätzen wurden Gedenkstätten eingerichtet. Man sieht viele weiße Kreuze mit Namen, die von Verwandten kommen auf freien Wiesen, die erinnern um wie viele Neuseeländer es wirklich gestorben sind und es kommen Sondersendungen im Fernsehen, die den Leuten verdeutlichen, was wirklich geschah. Zum ersten Mal wurden Tagebucheinträge, Briefe,… vorgelesen und alte schwarz weiß Fotos gezeigt. Dinge, die noch nie veröffentlich wurden, Geschichten, die noch keiner kannte. Erinnerungen, Schock, Trauer. In den letzten Tagen kamen bei vielen Neuseeländern viele Emotionen hoch. Da es ein wirklich besonderes Ereignis war haben die Fernsehsendungen so ziemlich jeden Kanal eingenommen und das seit Freitag. Und man sieht zusätzlich jeden zweiten, dem man über den Weg läuft, mit einer Mohnblume angesteckt als Gedenkzeichen. Neuseeland im Trauer und Nachdenklichkeit. Und ich als Deutsche mittendrin.

Ich weiß, ich bin für die Geschichte unseres Landes nicht verantwortlich. Ich weiß, ich kann daran nichts ändern. Ich weiß, dass das in der Vergangenheit liegt und vorbei ist. Ich weiß, dass keiner sagen kann ICH sei schuld. Ich weiß aber auch, dass andere Länder das anders sehen und damit wurde ich in den letzten Tagen ziemlich stark konfrontiert. Wenn im Radio Briefe und Tagebucheinträge vom Krieg vorgelesen werden und der Deutsche ohne mit der Wimper einen Neuseeländer kaltblütig erschossen hat. Wenn die Deutschen nicht Menschenwürdig handeln sie die Macht ergreifen und Menschen erschießen, die nicht das tun, was sie erwarten. Wenn Deutsche Schuld sind am Tod des Großvater, der eine hungrige Familie zurück lässt. Wenn Deutsche dafür verantwortlich sind, dass ein Land komplett zerstört wurde. Wenn... Ich könnte noch weitere Beispiele bringen, aber ich sag’s so egal wo ich war, egal wann, egal mit wem irgendwie kam immer eine Geschichte mit dem bösen Killer Deutschen. Und dann fangen Menschen an Fragen zu stellen und blöde Kommentare abzugeben. Ich kann sagen, dass das sicher nicht auf alle zutrifft aber ich war in den letzten Tagen eine nicht so gerne gesehene Person und da fühlt man sich einfach total unwohl und schlecht. Ich kann die Geschichte von Deutschland nichts, aber so etwas prägt. Egal wo man sich befindet es gibt immer die Leute, die einfach extrem bescheuerte Fragen stellen und Dinge sagen, die sie zwar nicht wirklich so meinen, aber so direkt kommen, dass du wirklich erst mal schlucken musst. Das war besonders am Anzac Day und da muss man schon stark bleiben um damit umgehen zu können. Doch auch im Alltag bekommt man manchmal komische Kommentare, kaum wird im Unterricht ein Thema zum Krieg angeschnitten, hat irgendwer nen Kommentar parat. Manchmal kann man drüber lachen und manchmal würde man dem gegenüber einfach nur eine rein hauen, um ihn zu zeigen, dass er zu weit gegangen ist. Ich wurde schon gefragt ob ich Hitler persönlich getroffen habe, er mit mir Verwandt ist, warum ich noch lebe du hast doch braune Harren?, ob ich den Nazis angehöre? wir zu Hause Bilder von Hitler hängen haben, die wir anbeten und und und. 

Doch wie wird man damit fertig? Wie geh ich damit um?
Das ist nun mal unsere Geschichte da kommt man glaub ich nicht drum herum egal wo man ist. Aber man muss das so sehen, Deutschland erzählt von klein auf den Kindern, was wirklich passiert ist und schildert, was mies gelaufen ist und welche Fehler sie gemacht haben. Schon mal die USA, China oder Japan offen über den Krieg reden hören und die unmenschlichen Dinge, die das Land damals gemacht hat? Wohl eher nicht. Deutschland ist das EINZIGE Land, das offen über die Vergangenheit redet. Da kann und sollte man wirklich stolz drauf sein. Und falls dann jemand nen "Hitler Kommentar" abgibt erzähl ich, wie das wirklich war und dass nicht nur Deutschland große Fehler gemacht hat. Nur ist Deutschland einfach so offen über die Fehler zu erzählen und die Gesellschaft aufzuklären, damit sie sich auf keinen Fall wiederholen. 

Doch der Tag hat nicht nur negative Seiten gebracht. Letzte Woche war ich mit ein paar Leuten aus meinem Musikkurs auf einem Konzert des Neuseeländischen Symphonie Orchesters (NZSO) in Wellington. Das Konzert wurde speziell für den Anzac Day geschrieben und bei zwei der Stücken handelte es sich um eine Weltpremiere, die an diesem Abend zum aller ersten Mal aufgeführt wurden. Und ich war live dabei. Jippi :D

Ich fand das Konzert unglaublich toll und ich kann zwar nicht sagen, dass ich alle Stücke von Anfang bis Ende gut fand, jedoch so im Großen und Ganzen war es wahnsinnig toll. Das war mein aller erstes Konzert, indem moderne neue klassische Musik aufgeführt wurde. An manchen Stellen konnte ich mit der Musik einfach überhaupt nichts anfangen, aber dann kamen auch fantastische Passagen, die ich in der Form nie gehört habe. Mir haben bei dem Schlusslied die Bläser sehr sehr gut gefallen. Die Trompeten haben  in das Instrument geblasen und mit der Hand das Mundstück bedeckt und wieder geöffnet. Dabei entsteht ein unglaublich cooler Sound. Nach drei/vier Mal haben die Hörner den Sound weitergeführt und dann ging es durch alle Bläser durch. Das war einfach das Beste vom Besten. Was  mich auch beeindruckt hat, dass ein Stück mit dem ganzen Orchester, einer Opernsängerin und einem Sprecher aufgeführt wurde. Der Sprecher musste immer genau im Takt sprechen, sonst wäre die instrumentale Begleitung nicht passend gewesen. Eine Wahnsinns Leistung. Ich könnte nie eine ganze Geschichte erzählen, während ich bei jeder Silbe aufpassen muss den richtigen Ton und Takt zu treffen. Ansonsten hatte die Konzerthalle eine richtig schöne Akustik und ich hatte ein wenig Angst zwischen all den Leuten verloren zu gehen :D

die Bilder habe ich in der Pause gemacht,
deshalb sieht es eventuell auf manchen Plätzen etwas leer aus.
In Wirklichkeit war es gestopft voll und es gab keinen einzigen freien Platz

Anmerkung: ich glaube an manchen Stellen diese Posts spreche ich klar gegen die rassistische Einstellung und die blöden Kommentare von einigen Neuseeländern. Man muss jedoch beachten, dass es sich hier nicht um alle handelt, sondern nur um ein paar. Und ich kann auch nicht im Allgemeinen sagen, dass es jedem deutschen so ergeht, jeder macht mit Kriegsgeschichten seine eigenen Erfahrungen. Und das sind meine.

1 Kommentar:

  1. Der Mensch definiert sich häufig durch seine Vergangenheit und
    versucht seine Zukunft zu gestalten.
    Angehörige sind verloren - wie und warum auch immer.
    Das Reale ist das "Jetzt" - hier blühen die Apfelbäume.

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